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 Meine Geschichte 
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Beitrag Meine Geschichte
Guten Abend, ich bin froh, dass es so ein Forum gibt.

Ich habe vor einigen Monaten abgetrieben.

Jahre zuvor habe ich noch auf der Seite http://www.wunschkinder.net gesurft weil wir lange Zeit gar keine Kinder bekommen konnten....und jetzt bin ich hier. Ich hätte mir das vor Jahren nicht vorstellen könne, dass ich ein Mensch bin, der sein Kind abtreibt...aber von vorne.

Ich bin 40 Jahre und habe zwei kleine Mädels, die ich nach elend langer Kinderwunschzeit und künstlicher Befruchtung mit mehreren erfolglosen Versuchen bekommen habe. Ich liebe sie heiß und innig!

Die Kleine war erst 1 Jahr alt und das letzte Jahr war für mich sehr anstrengend: Beziehungskrise (einigermaßen bewältigt), Umzug in ein eigenes Haus mit eigenen Renovierungsarbeiten, OPs, Wiedereinstieg in meinen anspruchsvollen Job. Ich hatte das Gefühl, die Jüngste kam komplett zu kurz, ich musste auch wegen des Kredits früher wieder in den Job einsteigen, da ich die Hauptverdienerin mit sicherem Einkommen bin (Lehrerin). Im Frühjahr lief alles super, ich hatte zwar wahnsinnig Stress auf der Arbeit und auch sonst war alles etwas viel, aber wir waren irgendwie euphorisch und entschieden uns für ein drittes Kind, zumal wir eingefrorene Eizellen hatten. Kurz nach dem Transfer der Eizellen hatte ich einen psychischen Zusammenbruch, der sich auch in deutlichen körperlichen Symptomen zeigte; die Last war mir einfach zu viel, Haus abbezahlen, Arbeit im Haus ohne Ende, neue Umgebung, viel Arbeit auf meiner Arbeitsstelle und längerer Anfahrtsweg zum Job, Krankheit meiner nahewohnenden Eltern. Mein Arzt hat mich bis Ende September krankgeschrieben und mir dringend eine psychiatrische Behandlung empfohlen, denn ich habe auch schon einige kurze depressive Episoden gehabt, auch kurz nach den Geburten.

Ich glaubte aufgrund meines Zustands im Frühjahr nicht an einen Erfolg des Versuchs und habe das Ganze fast schon wieder vergessen, überraschenderweise bin ich aber trotz schlechter Eizell-Qualität mit Zwillingen schwanger geworden!! Ich bin noch auf dem Gyn-Stuhl in Tränen ausgebrochen, während sich mein MAnn freute. Ich dachte , dass sich die Freude auch bei mir schon irgendwann einstellt. Es tat sich aber nichts, im Gegenteil. Schon in der 5. Woche litt ich unter massivster Übelkeit und konnte nicht mehr meinen Alltag regeln, nicht aufstehen und rausgehen ohne mich nach kürzester Zeit zu übergeben, auch nachts. Schon meinen Kindern vorlesen ging nicht ohne zur Toilette zu hechten.

Vier Kinder würden wir nicht schaffen. Der Job meines Mannes ist mehr als unsicher und ich hätte irgendwann 100 % arbeiten müssen. Dazu mein schon längeres Gefühl der Überforderung und Unzulänglichkeit. Ich konnte gedanklich aber weder mit Abbruch noch mit Geburt der Kinder leben. Als Alternative dachte ich an Suizid, aber wie hätte mein Mann dann das Haus abbezahlen können? Also irgendwie weiter, nur wie.

Ich habe mehrere Jahre ungewollte Kinderlosigkeit erlebt, aber die fünf Wochen Grübeln und das eigentlich Undenkbare denken, Weinen und mit meinem Mann diskutieren waren schlimmer als alles andere was ich in meinem Leben erlebt habe. Nach unzähligen Gesprächen mit meinem Mann und profamilia haben wir eine Entscheidung gefällt und die Schwangerschaft in der 10. Woche abgebrochen. Das Grundgefühl danach war Erleichterung, was sicherlich auch daran liegt, dass mein Frauenarzt und die Berater sehr verständnisvoll waren und die Umstände es mir damit so leicht wie möglich machten, wenn man das überhaupt so sagen kann.
Mich irritiert meine immer noch andauernde Erleichterung. Häufig denke ich: Oh je, wenn jetzt auch noch zwei da wären, ich mit zwei Kindern schwanger wäre usw. Trotzdem gerade abends Tränen der Trauer. Was habe ich getan? Das passt doch gar nicht zu mir. Wie würden die beiden wohl aussehen? Und wie wäre es mit vier Kindern? Quälende Fragen ohne Antworten.

Seit einigen Wochen denke ich nicht mehr so häufig daran, es gab auch schon Tage, an denen ich gar nicht an den Abbruch denke. Bin ich ein schlechter Mensch, dass ich den Abbruch nicht bereue? Meine Fragen beziehen sich aber vor allen Dingen auf die Zukunft. Dass mich der Abbruch in zehn Jahren einholt. Dass mich in zwanzig Jahren nur zwei statt vier Kinder besuchen. Wenn einem meiner Kinder etwas zustößt, und nur eines übrig bleibt (statt dreien?). Dann denke ich, dass der ganze Abbruch nur ein einziger Albtraum war. Ich wünsche niemandem eine ungewollte Schwangerschaft, nicht diese schreckliche Konflikte, und ich werde niemanden mehr für einen Abbruch verurteilen (wie ich es vorher getan hätte). Überhaupt halte ich mit Verurteilungen anderer Menschen nach meinen eigenen Erfahrungen mittlerweile sehr zurück. Insgesamt hat mich das Ganze sehr verändert. Auch unsere Beziehung hat sich geändert. Wir sind uns irgendwie näher. Ich hoffe auch sehr, dass wir uns nicht Jahre später Vorwürfe machen. Ich hoffe sehr, dass ich psychisch stabil bleibe und den Abbruch auch in Zukunft vor mir vertreten kann.


15.11.2014, 00:58
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