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 Alles wird gut? 

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Beitrag Alles wird gut?
Hallo zusammen,

ich habe einige Eurer Geschichten gelesen. Ich muss sagen, dass ich nicht gedacht hätte, dass es so vielen Frauen ähnlich geht. In der Hoffnung, dass es hilft, möchte ich Euch gern meine erzählen.

Nach fünf Jahren Beziehung, in der es auch einen Kinderwunsch gab - der ursprünglich nicht einmal von mir ausging - zerbrach die Partnerschaft relativ plötzlich. In einem schwachen Moment zog es mich wieder zu jemanden, den ich von früher kannte. Kurz nachdem ich in eine neue Wohnung eingezogen bin kam dann der positive Test.

Noch am selben Tag kam er vorbei, ich habe ihm den Test einfach ohne etwas zu sagen vor die Nase gehalten. Lustigerweise hat er zuerst sogar kurz gegrinst. Es war aber relativ schnell klar, dass es jetzt weder bei ihm noch bei mir wirklich "passt". Ich wusste auch überhaupt nicht, wie ich z. B. meiner Familie erklären soll, dass ich mich innerhalb von einem Monat getrennt und es geschafft habe, von einem anderen Mann schwanger zu werden. Er meinte aber auch, dass er mich so oder so auf jeden Fall unterstützen würde.

Mein erster Besuch beim Frauenarzt fing schon super an. Ich meinte nur "Ich glaube ich bin schwanger". Daraufhin er direkt "Herzlichen Glückwunsch, ich empfehle Folsäure". Als ich ihm gesagt habe, dass ich nicht vorhabe Folsäure zu nehmen, hat man an seinem Gesichtsausdruck direkt gesehen, dass er nicht sonderlich begeistert ist. Anhand der Ultraschallbilder bestätigte er dann meine Vermutung. Er meinte aber, dass es noch sehr früh ist und dass es sein könnte, dass es von selbst "abgeht". Eine Woche später hatte ich dann einen neuen Termin.

Zwischenzeitlich hatte ich mich aber schon informiert und einen Termin bei ProFamilia vereinbart, ich wollte alles einfach nur so schnell wie möglich hinter mich bringen. Der Termin war okay, hauptsächlich für mich aber von dem Gefühl geprägt "Hoffentlich sieht mich hier keiner". Der Besuch danach beim Frauenarzt war der Horror. Er hatte einen Termin für den Abbruch in einer anderen Praxis vereinbart, wollte aber noch einmal schauen, ob es nicht von selbst "abgegangen" ist. An diesem Tag hörte ich das erste und das letzte Mal die Herztöne. Den Stich, den ich in diesem Moment in meinem Herz und in meinem Bauch gespürt habe, werde ich nie vergessen. Wahrscheinlich genauso wenig das regelmäßige und überraschend schnelle Geräusch. Der Arzt brachte dann noch ein paar blöde Sprüche ("Wird schon schiefgehen bei Ihrem Termin - ach nein, ist es ja schon.") und ich rannte halb aus der Praxis. Am Abend habe ich ihm nur kurz vor dem Schlafen erzählt, dass ich das Herz hab schlagen hören. Als Reaktion kam ein kurzes Brummeln.

Problematisch war noch, dass ich natürlich niemanden davon erzählt habe, wegen der Narkose aber unbedingt aus der Praxis abgeholt und für 24 Stunden nicht allein gelassen werden durfte. Noch dazu: Der nette Arzt hat mir eine Ausschabung empfohlen. Allein der Begriff macht mir immer noch Angst - für alle Eingriffe werden "Decknamen" gefunden, außer dafür. Die Begründung war, dass bei dem medikamentösen Abbruch Gewebereste zurückbleiben können und stärkere Schmerzen verursacht werden. Nach Euren Berichten hier bin ich fast "froh", dass es so lief. Am Abend vorher fragte ich ihn noch einmal (klassisch per Whats App) ob wir dabei bleiben. Die Antwort war wieder relativ knapp - von seiner Seite aus ja. Hier hatte ich schon die ersten Bedenken, die ich aber noch erfolgreich verdrängt habe.

An dem Tag bin ich dann mit lauter Musik auf den Ohren - damit ich meine Gedanken bloß nicht höre - mit der S-Bahn in die Praxis mitten in die Stadt gefahren. Der Rest ging an mir vorbei, ich war wie "abgeschaltet" - relativ lange Wartezeit, zwei andere Frauen, von denen ich vermute, dass sie einen ähnlichen Termin hatten, zwei Vorgespräche - wegen dem Eingriff selbst und wegen der Narkose. Danach wurde ich aufgerufen, habe mich brav ausgezogen, mich auf den altbekannten Stuhl gesetzt und bin durch das Narkosemittel schnell eingeschlafen. Als ich aufgewacht bin war ich noch total durcheinander, durfte mich kurz hinsetzen und habe ein paar unangemessene Sprüche gebracht (z. B. an den Arzt: "Hey, so gut habe ich noch nie geschlafen."). Die Ärztin meinte, dass ich wenn ich richtig wach bin zu ihr kommen soll. Ich tat so, als ob ich schon wieder klar im Kopf bin - was natürlich nicht gestimmt hat, weil ich einfach nur so schnell wie möglich da raus wollte. Alles war "gut" verlaufen. Sie mir noch, wie ich die Medikamente, u. a. Antibiotika, einnehmen soll und weg war ich.

Nachdem ich nun extra organisiert hatte, dass er mich zumindest abholt, durfte ich dann auf einmal doch allein die Praxis verlassen. Er holte mich ab und setzte mich Zuhause ab mit dem Versprechen, relativ schnell wiederzukommen nach Feierabend. Er kam relativ spät. An dem Tag und in der Woche danach tat ich so, als ob alles in Ordnung ist. Ich ging zur Arbeit, ich kochte, ich ging ins Kino und betrank mich mit Freunden.

Nach und nach kamen dann in den Momenten, in denen ich allein in meinem Bett lag, die wirklichen Gedanken, die man - so sehr man es auch will - nicht beiseite schieben kann. Die Erkenntnis, dass ein kleines Etwas, dessen Herz geschlagen hat, "ausgeschabt" wurde. Dass ein kleines Leben nicht mehr da ist. Dass ich das Recht verspielt habe, eine Mutter zu sein. Dass ich es hätte schaffen können, auch allein. Dass ich so unfassbar egoistisch war, nur weil ich mich geschämt habe zuzugeben, dass ich so schnell nach der Trennung mit jemand anderem im Bett war.

Der Abbruch war im März. Es gibt Phasen, in denen ich mich erfolgreich ablenken kann und alles verdränge. Aber die Tage, an denen ich merke, dass ich nicht unter Menschen will oder kann und mich allein Zuhaus verkrümel werden immer mehr. Ich habe keine Ahnung, wie man das "verarbeiten" soll oder wie ich mit diesem Gedanken eine normale Zukunft planen könnte. Mit ihm treffe ich mich immer noch, was das zwischen uns ist oder was dieser Abbruch mit uns gemacht hat wird so gut wie gar nicht thematisiert. Sobald ich irgendwo ein Baby sehen, versuche ich zu lächeln und gratuliere der Mutter. Ich versuche einfach, mich so normal wie möglich zu verhalten. Die Nächte danach sind dann aber die schlimmsten.

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass ihr bzw. wir alle es irgendwie schaffen, unsere Entscheidung als richtig oder zumindest als "getroffen" zu akzeptieren und irgendwann doch noch einmal eine Familie aufzubauen. In den starken Momenten weiß ich, dass diese eine Entscheidung nicht mein ganzes Leben beeinflussen kann und dass es vielen Frauen so geht. Und dass es kein Verbrechen ist, dass das "Baby" auch noch nicht wirklich ein Baby war.

Alles wird gut, ganz bestimmt, irgendwann.

Herzliche Grüße.


17.08.2018, 02:03
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