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 vor 13 Jahren haben wir unser Kind abgetrieben 

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Beitrag vor 13 Jahren haben wir unser Kind abgetrieben
Vor 13 Jahren hatten meine Frau und ich unser drittes Kind abgetrieben. Ich habe das – wie meine Frau – seitdem verdrängt. Mir wurde vor kurzem beim "Aufräumen" des Scherbenhaufens, der mein Leben gerade ist, bewusst, dass ich seitdem immer nur vor mir weglaufe. Ich komme nicht damit zurecht, dass ich immer versucht habe, das Richtige zu tun und deswegen einen Menschen getötet habe. Ich frage mich so oft, warum ich damals keinen anderen Weg gewählt habe.

Wir waren damals gerade am Ende meines Studiums. Meine Frau konnte ihren Beruf nicht ausüben, weil sie im Ausland studiert hatte und ihre Ausbildung damals nicht anerkannt war. Mein Examen war keinen Pfifferling Wert, weil ich als Lehrer damals keine Chance hatte. Meine Frau fühlte sich mit unseren ersten beiden Kindern schon am Rande der Belastbarkeit. Das jüngere war gerade vier Monate alt, das ältere 19 Monate, als sich unser drittes ankündigte. Eigentlich gedrückt hat uns aber die Sorge um die Zukunft.

Meine Eltern hatten uns die Unterstützung entzogen, meine Schwiegereltern konnten uns nicht unterstützen. Ich hatte bisher neben dem Examen gejobbt und brauchte dringend eine Möglichkeit für meine Familie sorgen zu können.

So betrachtet ganz viele „vernünftige“ Gründe, nicht noch ein Kind anzunehmen. Meine allererste Reaktion auf die Schwangerschaft war dennoch unbegrenzte Freude. Meine Frau reagierte mit Panik. Sie war von vorne herein überzeugt, dass es nicht geht. Wir haben lange diskutiert. Gestern sagte sie mir, dass ich damals schon prophezeite, dass wir diese Schuld unser Leben lang nicht mehr los werden würden. Wir haben bei einer Heilpraktikerin versucht, dem Kind „mental“ mitzuteilen, dass es nicht kommen kann und von selbst wieder gehen soll….

Ich hoffte tatsächlich, dass das Kind so gehen würde. Geglaubt habe ich es aber nicht. Ich fühl(t)e mich als einziger Fürsprecher des Kindes. Für die ganz ganz wenigen Menschen, die damals davon erfuhren (FA, Frau in der Beratungsstelle, Heilpraktikerin und eine einzige Freundin meiner Frau), war die Situation klar. Es geht einfach nicht. Außer mir hatte unser Kind niemanden auf dieser Welt, der an seine Zukunft auf dieser Erde glaubte.

Als auch das mentale Wegschicken nichts mehr half und die Frist abzulaufen drohte, stimmte ich dem Abbruch immer mehr zu. Ich liebte meine Frau und ich sah, dass sie überfordert war. Wir sprachen in dieser Zeit sehr viel miteinander. Wir hielten zusammen, so wie wir vorher und auch später schon viele Schwierigkeiten gemeinsam überstanden hatten. Wir fuhren gemeinsam in die Klinik, ich musste draußen warten, bis der AB vorbei war und meine Frau wieder zu sich kam. Wir weinten nur noch, ich nahm sie in den Arm und versuchte sie zu trösten. Unser Kind durfte nicht leben, weil wir keine Perspektive sahen. Es wurde einfach weggeworfen und wir wieder weggeschickt. Der Job war erledigt. Der nächste bitte.

In den Wochen danach versuchten wir immer wieder miteinander zu reden. Wir schafften es aber nicht mehr. Seitdem haben wir darüber nur geschwiegen und unsere beiden Großen groß gezogen. Wir haben intakte Familie gespielt, und waren doch ganz weit davon entfernt, „intakt“ zu sein. Innerlich und zahlenmäßig. Heute können wir sehen, dass wir es aus finanzieller Sicht geschafft hätten.

Mittlerweile steht meine Ehe vor dem Aus. Ich habe in den letzten 13 Jahren extrem viel gearbeitet. Meine Frau ebenso. Als wir nicht mehr darauf angewiesen waren, erhielten wir auch wieder Unterstützung von meiner Familie. Vorher war ich zu stolz, um danach zu fragen. Und ich war so unsicher, ob ich eine Perspektive bieten kann. Ich bin ein Mensch, der sehr vorsichtig ist, der lieber tief stapelt, um nur ja niemanden zu enttäuschen. Mit dieser inneren Unsicherheit habe ich völlig grundlos meine Frau angesteckt und ihr die Zuversicht geraubt, dass wir das Kind, das ja schon da war, auch noch erziehen können.

Es ging nicht mehr darum, ob wir uns noch EIN Kind erlauben können. Das war sicher richtig mit nein beantwortet. Zumindest in dieser Situation. Aber es ging darum, ob UNSER Kind leben darf. Es war schon da!

Mit meiner elenden Tiefstapelei, mit meinem fehlenden Selbstvertrauen, mit meiner ständigen Suche nach eventuellen Fallstricken habe ich mein Kind getötet. Warum sah ich die Zukunft so schwarz? Sie war es ja nicht! Das sehen wir ja heute. Warum hatte ich nicht den Mut, andere um Hilfe zu fragen? Warum war ich zu stolz, meine Eltern oder andere um Hilfe zu bitten?

Ich habe mich nach außen zu einem ewig positiv denkenden Menschen entwickelt, der einfach alles für möglich und machbar hält. Weit weg von Depressionen, eher notorisch auf Drogen, immer lächelnd, in allem etwas Positives sehend. Innerlich habe ich Angst, wieder zu versagen. Angst, wieder so etwas Schreckliches zu tun, nur weil ich das Gute für nicht machbar halte. Und ich kann seitdem Dinge tun, die eigentlich unmöglich sind.

Je positiver ich bin, um so mehr stoße ich auf Skepsis und Misstrauen bei Menschen, die mir nahe stehen. Sie spüren den Widerspruch in mir. Umso mehr lege ich mich ins Zeug, zu beweisen, dass das, was ich für möglich halte, wirklich geht. Und es geht. Und ich beweise mir selbst damit jedes Mal, dass es ein Leichtes gewesen wäre, meinem Kind das Leben zu lassen. Ich hätte gar nichts schwieriges machen brauchen. Nur meinen Stolz überwinden. Nur an mich selbst glauben. Wer an sich glaubt, wer sich ein Ziel vornimmt, statt den Weg zu fixieren, der kann auf fast jede Entwicklung mit einem kleinen vorübergehenden Richtungswechsel reagieren. Und dann bei Gelegenheit wieder das Ziel anvisieren. Wenn ich auf einen Gipfel steige, ist der gerade Weg nach oben auch immer der unmögliche. Ich gehe in Serpentinen, ich umgehe Felsbrocken, Spalten und Wildbäche. Ich raste bei Müdigkeit oder schlechtem Wetter. Ich gehe auch einmal bergab, um dann an der richtigen Stelle wieder bergauf zu gehen. Und ich komme zum Gipfel. Schritt für Schritt.

Uns war der gerade Weg mit unserem Kind verbaut. Wir hatten keine finanzielle Sicherheit, keine Perspektive, keine Kraft. Nicht in dem Moment, als unser Kind zu uns wollte. Wir haben nicht darauf vertraut, dass wir den Weg schon finden, sondern zugestimmt und dafür gesorgt, dass der Gipfel gesprengt wird. Dabei hatten wir mit unseren ersten beiden schon gezeigt, dass es geht. Da war die Perspektive noch schlechter. Warum haben wir nicht einmal über die Freigabe zur Adoption nachgedacht? Wenn wir unser Kind nicht groß ziehen können, dann soll es auch kein anderer tun? Dann bringen wir es lieber um?

Mir fehlt langsam die Kraft, Positiv zu denken. Und ich fühle zugleich, dass ich draufgehe, wenn ich aufhöre, an das Gute zu glauben. Ich komme mir verlogen vor. Ich versuche meinen beiden großen Kindern Zuversicht und Selbstvertrauen zu geben und ihnen zu zeigen, dass sie alles erreichen können, wenn sie an sich glauben. Meine Kinder haben mir so viel gegeben. Ihr Lachen, ihr Staunen über die einfachsten Sachen, als sie noch kleine Babies waren. Ihr Stolz auf sich selbst, ihre Liebe zu Mama und Papa, ihr Vertrauen in unsere Fähigkeiten und Liebe. Ihre Leibe zu uns.

Dabei ist alles nur Show. Alles nur der Beweis, dass ich damals versagt habe. Wenn ich in diesem Forum lese, wie viele Menschen mutlos sind und sich nicht trauen, ihr Kind anzunehmen, weine ich hemmungslos. Heimlich, in meinem Büro. Manchmal stundenlang. Dann geht die Show weiter.

Es ist das erste Mal seit damals, dass ich so offen bin. Dass ich nicht mehr die Standarderklärung gebe, warum alles geht. Ich verzweifle daran, dass ich aus angeblichem Verantwortungsgefühl heraus meine Verantwortung für mein Kind weggeschoben habe. Es ist alles so verlogen. Ich will nicht mehr weiter lügen.

Ich hatte meiner Frau versprochen, dass niemand vom AB erfahren darf. Das hat sie auch gestern wieder in Erinnerung gerufen. Niemand außer ihrer Freundin damals hat bis heute davon erfahren. Ich kann mich daran nicht mehr halten. Ich musste es erzählen. Euch, weil ihr mich vielleicht versteht, weil Ihr Ähnliches durch gemacht habt. Und seit zwei Wochen vier lieben Menschen aus meinem Umfeld, die mir sehr sehr viel bedeuten und mich sehr gut kennen. Einer von ihnen hat mich darauf gebracht, diese Homepage zu suchen und zu finden. Seit einem halben Jahr lebe ich von meiner Frau getrennt. Unsere Ehe ist zerbrochen. Ohne Einfluss von außen.

Seit drei Wochen schreibe ich meinem jüngsten Kind Gedichte und Briefe. Das habe ich dreizehn Jahre nicht getan. Nun ist es an der Zeit, dass ich mich wieder zusammen reiße und auch für meine großen wieder voll da bin. Sie brauchen mich. Und sie können genauso wenig dafür, dass ich damals zu schwach war wie ihr jüngeres Geschwisterchen. Ich werde mein Leben lang für sie da sein.


20.08.2010, 13:23
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Beitrag Re: vor 13 Jahren haben wir unser Kind abgetrieben
Hallo fragenderPapa,


ihr habt euch damals gegen euer Kind entschieden. Für euch, ich denke mehr für deine Frau und euer Umfeld sprach alles gegen dieses Kind. Du hast dem Ab zugestimmt da du deine Frau nicht verlieren wolltest. Heute siehst du das ihr es eventuell geschafft hättet. Betrachte aber eure Entscheidung unter den Gesichtspunkten die damals zum Ab geführt haben. Ihr konntet damals nicht wissen wie sich die Zukunft entwickelt. Deine Frau war mit euren beiden Kindern schon sehr ausgelastet. Unterstützung von der Familie war auch nicht zu erwarten und dann kam bestimmt noch der immense Zeitdruck dazu sich zu entscheiden. Eure finanzielle Situation war auch nicht die beste und das hätte bestimmt für dich bedeutet das du noch mehr arbeiten müsstet um eure Familie zu ernähren.

Es gelang euch bis heute nicht wirklich über eure Entscheidung zu reden (es schaffen aber auch nur sehr wenig Paare darüber zu reden). Ihr habt verdrängt, so wie viele andere auch versuchen einen Ab einfach zu verdrängen. Dir ist jetzt bewusst geworden das es nie eine Verarbeitung gab. Weißt du denn wie es deiner Frau in Punkto Ab geht? Vermutest du das sie es verarbeiten konnte oder das sie auch nur verdrängt hat?

Würdest du es für möglich halten gemeinsam mit deiner Frau den Ab zu verarbeiten( ich weiß das eure Ehe vor dem aus steht) denn es könnte vielleicht auch möglich sein das ihr dadurch eventuell wieder näher zusammen findet. Eine Beratungsstelle oder auch ein Psychotherapeut könnten euch dabei bestimmt behilflich sein.



Freundliche Grüße Oscar


21.08.2010, 17:51
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Beitrag Re: vor 13 Jahren haben wir unser Kind abgetrieben
Hallo Oskar,

vielen Dank für Deine konstruktiven und vorsichtigen Worte. Ich habe Deine Antwort erst spät entdeckt, weil ich meinen Beitrag nicht fand. Mittlerweile hatte ich noch einmal mit meiner Frau gesprochen, besonders auch über unsere Ab.

Ich bin mir bewusst, dass ich damals nicht wissen konnte, wie die Zukunft sich entwickelt. Was ich mir vorwerfe ist: Das weiß ich doch nie. Auch nicht, wenn ich mich FÜR mein Kind entscheide. Das ist doch kein Grund für einen Ab. Das kann ich zumindest für mich nicht gelten lassen. Bei unseren beiden großen Kindern haben wir doch auch JA gesagt. Meine Frau sagt, sie hätte mit dem Kind abgeschlossen, ihren Frieden gefunden. Sie würde sich aber über einen Ort der Erinnerung, der Trauer freuen. Ich will ihn ihr gerne einrichten.

Versteh mich bitte richtig: Es ist für mich sehr bitter zu merken, dass meine Ehe kaputt ist. Meine Frau ist mir immer noch sehr wichtig. Und wenn ich für sie da sein kann, will ich das auch künftig sein. Ich verkrafte aber unser Zusammenleben nicht mehr. Wir verletzen uns seit zwei Jahren immer wieder sehr tief, ohne dass wir es wollen. Wir meinen es gut miteinander, verstehen uns aber nicht mehr. Mittlerweile verstehe ich zumindest mich etwas besser.

Ich komme mir vor, als wäre ich unfair meiner Frau gegenüber. Damals hatte ich ein ähnliches Gefühl. Wenn ich dem Ab nicht zustimme, bin ich ungerecht. Denn meine Frau hatte ja "mehr" zu leiden als ich. Ich freute mich über unser Kind, meine Frau hatte Angst, Panik. Ich mache meiner Frau keine Vorwürfe. Ich habe große Probleme mit mir selbst, mit dem was ICH getan habe. Ich würde es heute nicht mehr tun. Ich würde nicht mehr zustimmen. Ich würde Hilfe erfragen und annehmen. Meine Frau fühlte sich überfordert. Obwohl ich da war. Sie fühlte sich überfordert, weil ich nicht genug Sicherheit und Geborgenheit geboten hatte. Meine Hilfe und Unterstützung hatte sie. Wir haben uns die Erziehungsaufgaben geteilt.

Wenn ich die Verzweiflung vieler Frauen hier sehe, die sich von ihrem Partner allein gelassen fühlen, dann tut mir das sehr Leid für sie. Ich verstehe auch, dass sie sich selbst dann alleine fühlen, wenn der Partner meint, er würde zu ihr stehen und sagt, er würde jede Entscheidung mittragen. So ähnlich habe ich das damals sicher auch gesagt. Es ist sehr schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich habe es damals so empfunden, dass wir die Entscheidung gemeinsam getroffen haben. Dass ich meinen Standpunkt verlassen habe, um meiner Frau beizustehen. Ich hatte am Anfang gesagt, wir könnten es schaffen. Ich habe schon ganz am Anfang vorher gesehen, dass wir daran unser Leben lang zu tragen haben. Ich habe sehr bewusst versucht, Alternativen zu diesem Schritt zu sehen und zu zeigen. Ich bin nicht durchgedrungen. Ich habe mich vom Pessimismus anstecken lassen. Ich konnte keine glaubhafte Perspektive zeigen. Das habe ich irgendwann eingesehen. Um meine Frau nicht zu verlieren, habe ich den Schritt mitgetragen. Heute scheitere ich daran, dass ich es nicht konnte.

Vor knapp 2 Jahren forderte meine Frau von mir, dass ich meinen Beruf aufgeben solle, weil ich ihr keine Sicherheit, keine Geborgenheit mehr bieten könne. Ich solle den Beamtendienst anstreben. Sie selbst ist mittlerweile im Staatsdienst. Ich fühlte mich wieder so weit, dass ich nicht genug Perspektive bieten konnte / kann. Soll ich jetzt wieder alles hinwerfen? Nur weil ich nicht sagen kann wie es weiter geht? Wer kann das schon? Die Lage ist jetzt ähnlich wie damals. Eigentlich haben wir kein Problem. Wir empfinden es nur so. Es ist einfach nur eine unbegründete Angst vor der Zukunft. Mangelndes Vertrauen in uns Selbst, in Gott, in die Zukunft. Und was heute noch anders ist: Es geht jetzt nicht um das Leben unseres Kindes. Diese Chance für unser Kind kann ich nie wieder herholen. Weil alles so ähnlich ist wie damals, fühle ich mich umso mehr schuldig. Ich kann doch nicht bei jeder Angst immer alles hinschmeißen. Schon gar nicht das Leben meines Kindes. Ich hatte vor knapp 2 Jahren meiner Frau widersprochen und weiter gemacht. In mir sträubte sich alles. Die Ähnlichkeit der Situationen hatte ich zu dem Zeitpunkt nur gespürt, aber nicht bewusst wahr genommen. (Damals hat meine Ehe den letzten, endgültigen Bruch erlitten.)

Ich habe in den letzten anderthalb Jahren gesehen und gezeigt, dass ich es schaffen kann. Und damit noch deutlicher bewiesen, dass ich es auch damals hätte schaffen können. Ich zog mich immer mehr von meiner Frau zurück. Oft saß ich einfach nur stundenlang im Büro und tat nichts. Nur um nicht daheim zu sein. Das war keine Überforderung durch Arbeit. Das war Überforderung durch die Situation. Ich hätte die gleiche Arbeit auch in normaler Zeit tun können.

Jetzt sehe ich umso deutlicher: Ich habe mein Kind getötet, nur weil ich nicht an mich geglaubt habe. Weil ich mich von allen "Beratern" habe überreden lassen. Weil ich keine Freunde gefragt habe, sondern nur auf FA, Beratungsstelle und die eine Freundin meiner Frau gehört habe. Wäre ich nicht umgefallen, würde mein Kind heute leben und uns vermutlich sehr glücklich machen.

Zu Deiner Frage: Ich bzw. wir waren in den letzten zwei Jahren bei Psychotherapeuten und Paartherapeuten. Allerdings war mir und uns damals nicht bewusst, dass der Ab unser Leben aus dem Unterbewusstsein so sehr bestimmt. Es ging um die Sachen an der Oberfläche: gegenseitige Anerkennung, eigene Lebensbereiche, gemeinsam Erreichtes, Zeit für- und miteinander, Umgang mit Verletzungen, miteinander Reden. Wichtige Themen, die wir für unsere Probleme hielten. Das alles erklärte aber nicht, weshalb wir krank wurden aneinander. Und es war nicht möglich, durch Änderung dieser Themen eine Besserung zu erreichen. Die Verletzungen hielten an.

Meine Frau erinnerte mich daran, dass wir vor einigen Jahren bei einer Psychotherapeutin waren wegen des Ab. Ich hatte es bis heute total verdrängt. Ich erinnerte mich erst wieder daran, als sie mir erzählte, was meine Reaktion damals war: Ich war enttäuscht, weil es nur um meine Frau und ihre Beziehung zu unserem Kind ging. Ich war wieder nur Begleiter. Als Vater spielte ich keine Rolle. Dass ich der einzige Fürsprecher meines Kindes war, war irrelevant. Meine Frau hat daraufhin mit sich und dem Kind ihren Frieden geschlossen.

Ich habe heute ein großes Problem damit, meiner Frau zuliebe noch einmal alle Hoffnung fahren zu lassen.

Wie verkraften das andere Männer, Väter? Es wäre schön, wenn hier mehr Männer her fänden, um sich auszutauschen. Jedes abgetriebene Kind hat auch einen Vater.

Ich kann mir nicht mehr vorstellen, mit meiner Frau gemeinsam alt und glücklich zu werden. Das war einmal meine große Vision. Heute bin ich sehr unglücklich mit meiner Frau. Ich fühle mich ihren Erwartungen nicht gewachsen. Ich kann ihr die Sicherheit, die sie will nicht dauerhaft bieten. Das kann aber niemand. Kein Arbeitsplatz, kein Gehalt, keine Gesundheit ist absolut sicher. Wenn das die Voraussetzung für ein Kind wäre, dann wären wir schon lange ausgestorben.

Ich sehe nicht den Vorteil für sie und meine Kinder, meinen Beruf aufzugeben. Und für mich auch nicht. Eventuell würde ich weniger arbeiten als bisher.

Aber bisher bin ich nur vor mir weg gelaufen. Ich arbeitete ja nicht der Arbeit wegen so viel, sondern weil ich mich vor mir selbst versteckte. Weil ich Angst hatte, es könnte noch einmal nicht reichen. Und ich müsste noch einmal so etwas schreckliches tun. Das sehe ich jetzt und trete schon etwas langsamer.

Ich habe auch aufgehört, alles schön zu reden. Ich bin mir mittlerweile bewusst, warum ich das tat und habe automatisch damit aufgehört. Damit habe ich aber auch jede Hoffnung für meine Ehe verloren. Ich kann nicht mehr. Meine Antwort ist etwas wirr. Ich weiß nicht, ob Du mich verstehst. Ich finde aber auch keine Struktur mehr für meine Antwort.

Im Moment lebe ich vor allem dafür, dass ich meinen Kindern ein gutes Vorbild bin und nicht signalisiere, dass es gut ist aufzugeben. Und dafür, dass ich irgendwann wieder neue Kraft und eine Perspektive für mich finde. Das hält mich am Leben.

Ich danke Dir, dafür, dass Du mir zuhörst.

Markus


24.08.2010, 19:53
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Beitrag Re: vor 13 Jahren haben wir unser Kind abgetrieben
Zitat:
Im Moment lebe ich vor allem dafür, dass ich meinen Kindern ein gutes Vorbild bin und nicht signalisiere, dass es gut ist aufzugeben. Und dafür, dass ich irgendwann wieder neue Kraft und eine Perspektive für mich finde


Hallo Markus,

ich bin hier eine stille Mitleserin, wollte dich aber wissen lassen, dass deine Signale ankommen! Und ich wünsche dir viele, viele Kraftquellen, die dir ein Weitermachen und Daranfesthalten ermöglichen.

Alles Liebe,

Ilona

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25.08.2010, 22:42
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Beitrag Re: vor 13 Jahren haben wir unser Kind abgetrieben
Hallo Ilona,

ich danke Dir. Meine Selbstzweifel sind immer wieder sehr groß. Da tut mir Deine Nachricht besonders gut. Das ist schon eine starke Kraftquelle. Danke!

Markus


25.08.2010, 23:31
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Beitrag Re: vor 13 Jahren haben wir unser Kind abgetrieben
Hallo Markus,


entschuldige bitte das meine Antwort so lange auf sich warten lassen hat.


Es ist schön das du deine Frau weiter unterstützt und ihr auch einen " Ort der Erinnerung " einrichten möchtest. Wäre es denn nicht für dich auch eine Möglichkeit diesen Ort zu nutzen um euren Ab zu verarbeiten.

Du hast Recht, man weiß nie wie sich die Zukunft entwickelt. Ich denke die ungewisse Zukunft war nicht allein der Grund für den Ab. In meinen Augen hat die von deiner Frau geäußerte Überforderung auch einen großen Teil mit dazu bei getragen. Ich denke sie wusste wie sie sich fühlt und ich kann es mir auch vorstellen das zwei Kinder schon sehr fordern und wenn dann noch ein drittes dazukommt ist man bestimmt oft an seinen Grenzen. Genau so schwer lässt sich die Frage beantworten wie würde eure Ehe heute aussehen wenn ihr euch nicht für einen Ab entschieden hättet und deine Frau überfordert gewesen wäre. Hättest du es dir entschuldigen können wenn deine Frau nicht mehr gewusst hätte wo vorn und hinten ist? Dann käme noch die Frage wie wäre deine Berufliche Laufbahn weiter gegangen wenn diese Überforderung eingetreten wäre? Hättest du denn auf den beruflichen Erfolg verzichten können damit du mehr Zeit für deine Frau und eure Kinder hättest?

Markus man kann viel Fragen aufwerfen die in Richtung " was wäre wenn? " gehen, aber eine Antwort weiß niemand.

Ich kenne es auch wenn man Rücksicht auf seinen Partner nehmen möchte und mit ihm daher nicht über seine eigenen Probleme redet, einfach nur weil man Angst hat seinen Partner zu überfordern. Aber gerade diese Rücksicht ist oft verletzend da ja der Partner mitbekommt das man Probleme hat. Bei mir ging es soweit das ich gesehen hatte das meine Partnerin erhebliche Probleme hatte und es ihr immer schlechter ging. Jedes mal wenn ich sie gefragt hatte was mit ihr ist, warum es ihr nicht gut geht bekam ich die Antwort:" Mir geht es gut, ich habe nichts" . Was ich sah sah aber ganz anders aus. Es ging dann bei mir soweit das ich die Schuld an ihrem Zustand bei mir suchte und nicht mehr wusste wie ich mit ihr umgehen sollte ohne sie zu verletzen. Erst als es uns gelang über unsere Probleme zu reden besserte sich die Situation und ich konnte ihr wieder ein wenig helfen. Ich weiß nicht, vielleicht kann euch auch das gemeinsame reden helfen. Wenn ja, redet aber bitte mit einander ohne euch gegenseitig etwas vorzuwerfen oder über den Partner zu urteilen.

Ihr wart gemeinsam bei einem Therapeuten und so wie ich es raus lese konnte er wenigsten deiner Frau ein wenig helfen. Vielleicht solltest du dir einmal überlegen ob es nicht noch einmal eine Möglichkeit ist wenn du dir selbst einen eigenen Therapeuten suchst, mit dem du über deine Sicht der ganzen Angelegenheit reden kannst ohne das deine Frau dabei ist. Ich denke es ist sehr schwer für einen Therapeuten wenn er zur gleichen Zeit zwei Personen therapieren soll die gegenseitige Probleme haben ( Interessenkonflikt). Allerdings möchte ich eine Paartherapie davon ausnehmen.

Es wäre wirklich schön wenn sich hier mehr Väter austauschen würden, es würde bestimmt auch den Frauen hier im Forum helfen. Ich weiß aber leider auch nicht warum so wenig Männer bereit sind sich auszutauschen und gehe davon aus das es auch genügend Männer gibt die mit einem Ab Probleme haben.



Freundliche Grüße


Oscar


30.08.2010, 21:24
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Beitrag Re: vor 13 Jahren haben wir unser Kind abgetrieben
Lieber Oskar,
vielen Dank für Deine einfühlsame Antwort. Ich war auch schon mehrmals bei einem eigenen Therapeuten. Das war unmittelbar nach meinem Auszug. Mir wurde dabei vieles klarer. Besonders über mich selbst, aber auch über meine Frau und meine Ehe. Deshalb hatte ich auch noch einmal Kraft gefasst, wieder zurück zu gehen zu meiner Frau. Auch die Therapeutin meiner Frau ist eine andere als der Paartherapeut aus der Anfangszeit.

Du hast Recht, dass ich auch nicht sicher sein kann, dass die Zukunft mit drittem Kind "besser" gewesen wäre. Es fällt mir sehr schwer zu fühlen (glauben wäre das falsche Wort), dass eine mögliche Überforderung schwerer zu verkraften gewesen wäre als der Verlust unseres Kindes. Ich kenne dafür keine Beispiele. Mir fallen aber Möglichkeiten dazu ein, der Überforderung durch Entlastung zu begegnen. Meine Frau hatte den Anspruch, alles selbst tragen zu wollen. Deshalb musste ich sehr lange dafür kämpfen, z.B. eine Putzhilfe zu engagieren. Eine Hilfe für Wäsche oder Bügelarbeiten war bis zuletzt tabu. Das wären einfache Ansätze gewesen. Mein Bruder hat z.B. meine Eltern eingespannt, die 2 Tage pro Woche seine Kinder nehmen, damit seine Frau und er arbeiten können und Zeit zu zweit haben. Man kann Überforderung durch Entlastung begegnen. Entlastung muss aber nicht destruktiv sein, sie kann auch konstruktiv sein. Es ist sehr hart was ich sage. Dessen bin ich mir bewusst. Mein beruflicher Werdegang wurde erst in den letzten fünf Jahren zu einem "Erfolg" im Sinne unserer Gesellschaft.

Es ist schwer zu beantworten, ob ich auf den beruflichen Erfolg verzichtet hätte um mehr Zeit für die Familie zu haben. Denn zur damaligen Zeit stellte sich diese Frage nicht. Ich hatte im Angrstelltenverhältnis keine echte Aufstiegschance. Die felhte mir aber auch nicht. Ich hätte mir z.B. Teilzeit zugunsten der Familie gut vorstellen können, wenn das Familieneinkommen ausgereicht hätte. Ich war nie erfolgsversessen. Wenn die aktuelle Entwicklung anhält, bin ich jetzt gerade sehr erfolgreich im Sinn unserer Gesellschaft. Meine Überlegung ist, dass ich nach meiner Scheidung eine Patenschaft übernehme für ein Kind, dessen Eltern finanziell überfordert sind. Das ist für mich ein eher gangbarer, sinnvollerer, konstruktiverer Weg, an mein drittes Kind zu denken als ein Ort der Erinnerung. Mit meinem Kind bleibe ich in Gedichten und Briefen in Kontakt.

Es freut mich für Euch, dass Du es geschafft hast, Deiner Partnerin wieder näher zu kommen. Wir haben lange Zeit regelmäßig miteinander geredet. Unter der Prämisse, keine "Schuld" zu suchen, sondern gemeinsam nach den Ursachen unserer Ferne (als Gegensatz zu Nähe) zu suchen und die Ursachen z uüberwinden. Wir haben bewusst Wert darauf gelegt, nicht zu verletzen und zugleich sehr offen zu reden. Wir haben es auch geschafft indem jeder sofort ausgesprochen hat, wenn er/sie etwas verletzend empfand. Dann konnte der andere erklären, wie er es meinte. Wir konnten und wollten davon ausgehen, dass der andere nicht verletzen wollte. Und dennoch haben wir uns verletzt. Irgendwann stießen wir auf die Punkte, in denen wir nicht anders konnten als den anderen zu verletzen. In denen wir genau das meinten, was der andere als verletzend empfand. Nicht UM ihn zu verletzen, aber es ging nicht anders, ohne die eigene Überzeugung aufzugeben. In denen wir grundsätzlich unterschiedlicher Meinung waren. Es tut uns beiden Leid, das erkennen zu müssen. Meine Frau kann nicht nachvollziehen, dass ich so nicht mehr kann.

Ich finde es besser, wenn wir heute getrennte Wege gehen. Ich wünsche meiner Frau ehrlich von Herzen, dass sie jemanden findet, mit dem sie glücklich wird. Ich sehe mich nicht im Stande, ihr das zu bieten. Ich fühle mich überfordert, die Bedürfnisse meiner Frau zu erfüllen. Nicht weil ich mich aufgeben müsste. Sondern weil ich nicht erkennen kann, dass ich die Bedürfnisse meiner Frau dann erfüllen würde, selbst wenn ich mich aufgeben würde. Es würde keinen Sinn machen.

Ich habe es jetzt akzeptiert, dass die Ehe kaputt ist. Ich will meiner Frau nichts in den wEg legen. und auch selbst einen eigenen Weg gehen. Für meine Ex-Frau und meine Kinder bleibe ich da. Falls es nötig wird, dass ich für meine Kinder beruflich kürzer trete, z.B. damit sie zu mir ziehen können, dann werde ich das tun. Schon jetzt nehme ich mir mindestens einmal pro Woche einen Nachmittag nur für meine Kinder. Und das Wochenende. Meine Wohnung habe ich so groß gewählt, dass sie auch jederzeit zu mir ziehen könnten wenn sie es wollen.

Ich will auch heute nicht die Schuld am Aus unserer Ehe bei EINEM von uns beiden suchen. Die Schuld tragen wir beide zu gleichen Teilen. Und ein Großteil der "Schuld " liegt in alten Wunden, die wir zugedeckt haben, statt sie zu versorgen...

Ich habe daraus gelernt, offener z usein und nicht mehr zu verstecken oder Theater zu spielen. Damit finde ich allmählich wieder Kraft, um meinem Leben einen Sinn zu geben.

Dieses Forum hat mir viel geholfen. Das Lesen der Schicksale, Gefühle und Gedanken anderer - Männer wie Frauen - hat mir gezeigt, dass ich mit meinem Schmerz und meinen Selbstvorwürfen nicht alleine bin.

Ein ganz herzliches Dankeschön vor allem auch Dir, dem einzigen Mann, der mir hier bisher antworten konnte. Es tut sehr gut, dass Du so viel Empathie aufbringst und zugleich auch immer wieder neue Aspekte aufzeigst. Der gleiche Dank gilt aber auch Ilona und allen den Frauen hier, die mir viel Zuspruch geschenkt und Mut gemacht haben.

Liebe Grüße
Markus


30.08.2010, 23:34
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Beitrag Re: vor 13 Jahren haben wir unser Kind abgetrieben
Hallo Markus,

ich möchte DIR danken, dass du uns in dein Vertrauen gezogen hast und teilnimmst an den Schicksalen hier. Dieses Forum kann nur leben von Euren Beiträgen und Gedankengängen.

Auf eine Frage von dir kann ich mit deinem eigenen Text antworten:

Zitat:
Du hast Recht, dass ich auch nicht sicher sein kann, dass die Zukunft mit drittem Kind "besser" gewesen wäre. Es fällt mir sehr schwer zu fühlen (glauben wäre das falsche Wort), dass eine mögliche Überforderung schwerer zu verkraften gewesen wäre als der Verlust unseres Kindes. Ich kenne dafür keine Beispiele.


Genau dieses dir vermeintlich fehlende Gefühl beschreibst du hier sehr treffend:

Zitat:
Ich finde es besser, wenn wir heute getrennte Wege gehen. Ich wünsche meiner Frau ehrlich von Herzen, dass sie jemanden findet, mit dem sie glücklich wird. Ich sehe mich nicht im Stande, ihr das zu bieten. Ich fühle mich überfordert, die Bedürfnisse meiner Frau zu erfüllen. Nicht weil ich mich aufgeben müsste. Sondern weil ich nicht erkennen kann, dass ich die Bedürfnisse meiner Frau dann erfüllen würde, selbst wenn ich mich aufgeben würde. Es würde keinen Sinn machen.


Das Empfinden der Überforderung – und leider unterschätzen das viele – ist nicht gleichbedeutend mit dem Unwillen, sein Kind großzuziehen, sondern vielmehr zeigt es auch die Verantwortung auf, ob man allen Bedürfnissen (auch denen des Kindes / der Kinder) gerecht werden kann. Wenn ich als Frau dann zu dem Schluss komme, es machte keinen „Sinn“, sehe ich mich dann in der Not, ein Opfer bringen zu müssen.
Vielleicht kann dir dieser Blickwinkel zeigen, wie ausweglos sich das Dilemma für viele darstellt. Und vielleicht kann dir dein eigener Satz eine annähernde Empathie vermitteln für das Gefühl, das mit dem Konflikt einhergeht.

Liebe Grüße,

Ilona

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31.08.2010, 08:46
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Beitrag Re: vor 13 Jahren haben wir unser Kind abgetrieben
Danke Ilona,
dass Du mir den Spiegel vorhältst. Ich musste meine eigenen Zeilen mehrmals lesen, um zu verstehen was Du meinst.
Du hast Recht, dass die Überforderung in beiden Passagen eine ähnliche ist. Und dass ich das bisher so nicht gesehen habe.

Die Entscheidung, unser Kind zurück zu schicken, haben wir BEIDE getroffen und getragen. Ich mache meiner Exfrau daraus keinen Vorwurf. Gerade weil ich gesehen habe, wie überfordert sie war, habe ich die Entscheidung mit getragen. Dieser Verantwortung stelle ich mich auch. Die kann mir keiner mehr abnehmen. Und ich weiß, dass meine Frau nie den Unwillen verspürt hat, unser Kind groß zu ziehen. Im Gegenteil - es fiel ihr damals unendlich schwer, diesen Schritt zu tun. Deshalb hatte sie auch auf mich gewartet und gehofft, dass ich mitgehe. Und ich bin mitgegangen. Ich sehe bei MIR, dass ICH damals andere Möglichkeiten gehabt hätte, unserem Kind ein Leben zu ermöglichen. Meine Frau war ohne Perspektive - aber ich hätte noch Möglichkeiten gehabt, eine Perspektive zu suchen und habe es nicht getan.

Wenn ich aber heute sehe, dass ich Ihre Bedürfnisse nicht mehr befriedigen kann, so ist das sehr real. Sie sagt ausdrücklich, nachdrücklich und wiedeholt mehrfach, dass sie von mir Sicherheit in Form eines Beamtenjobs will. Sie lebt mittlerweile in einer Welt von Beamten und sieht täglich, dass es das gibt. Sie ist selbst eine und spürt, dass sie die Sicherheit für sich hat.

Ich habe den Eindruck, dass ich mich im Moment rechtfertigen muss für meinen Schritt, mich von meiner Frau zu trennen. Ich bin nicht sicher, ob dieses Gefühl nur in mir steckt oder z.B. von Dir kommt. Ich sehe einen wesentlichen Unterschied zu damals darin, dass ich mit meiner jetzigen Entscheidung kein Leben zerstöre. (Bitte beziehe es nicht auf Dich, ich rede davon, was ICH getan habe.) Ich mache einen Neuanfang möglich. Und ich stelle mich den Folgen meiner Entscheidung.

Das Gefühl, dass wir uns rechtfertigen müssen für unseren Schritt empfinden wir vermutlich alle. Auch wir Männer! Selbst wenn wir uns nicht Dritten gegenüber rechtfertigen müssen, dann doch uns selbst gegenüber. Und oft unserem Partner gegenüber.

Ilona hat geschrieben:
vielleicht kann dir dein eigener Satz eine annähernde Empathie vermitteln für das Gefühl, das mit dem Konflikt einhergeht.

Ich glaube nicht, dass mir diese Empathie fehlt. Ich ahne, dass ich Dir mit meiner Offenehit sehr nahe an eine Deiner Wunden gekommen bin. Das wollte ich nicht.

Liebe Grüße
Markus


31.08.2010, 11:29
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Beitrag Re: vor 13 Jahren haben wir unser Kind abgetrieben
Zitat:
Ich glaube nicht, dass mir diese Empathie fehlt. Ich ahne, dass ich Dir mit meiner Offenehit sehr nahe an eine Deiner Wunden gekommen bin. Das wollte ich nicht.


Hallo Markus,

ich glaube auch nicht, dass dir diese Empathie fehlt. Darum ja wies ich dich auf deinen eigenen Satz hin. Mitunter brauchen wir ähnliche, selbst erlebte Erinnerungen, um uns einfühlen zu können. Und mitunter brauchen wir "nur" diese Erinnerung wachrufen.

Du bist nicht an meine (inzwischen gut) verheilte Wunde geraten. Mir ist gerade nicht ganz klar, womit das hätte geschehen sollen.

Und: Ich wollte dir nicht den Eindruck vermitteln, dass du dich rechtfertigen müsstest. Zumindest nicht vor mir.

Wir können nicht wissen, ob wir mit unserer Entscheidung ein Leben zerstören oder ob es gar noch mehr sind - je nach Ausfall der Entscheidung.
Genau das macht es ja so schwer. Im Grunde wollen wir alle einfach nur den "richtigen" Weg gehen, weil Reue eine äußerst schmerzhafte Erfahrung sein kann.

Ich hoffe, ich konnte etwaige Missverständnisse ausräumen.

Alles Liebe,

Ilona

_________________
Niemand kann mehr geben als das, was er in sich gefunden hat (H. Kruppa)


31.08.2010, 18:59
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