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 Brief an meine Tochter, die ich nie geboren habe 

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Beitrag Brief an meine Tochter, die ich nie geboren habe
Meine kleine Tochter,

ich wusste, an dem Tag, als Du gezeugt wurdest, dass Du ein Mädchen werden würdest.
Isabelle wäre Dein Name gewesen. Issi hätte ich Dich gerufen.
Ich hab mir Dich gewünscht, in der Minute, als Du gezeugt wurdest. Vorher und auch heute noch.
Du warst meine Familie.

Meine Vorstellung von Dir war klar. Bei den Gedanken an Dich wusste ich genau, wie Du riechen und aussehen würdest.
Eine kleine Stupsnase und kleine Flauschhaare nach der Geburt und später hättest Du blonde leicht lockige Haare, wärst frech und könntest Deinen Vater und mich um Deinen kleinen Finger wickeln, weil Dein lächeln einfach zu süß gewesen wäre.
Du wärst wie ich als Kind gewesen- niemals um eine Antwort verlegen und doch herzallerliebst.
Ich hab uns beide kuscheln sehen- ich hab das gefühlt.

Über 12 Jahre ist dies nun her.
Du wärst heute in der Schule und würdest so langsam das erste Interesse an Jungs entdecken und mich damit ständig in Panik verfallen lassen.

Oft denke ich an Dich. Was wäre wenn Du leben würdest? Wie wären die letzten Jahre mit Dir gewesen?

Ich komme immer wieder zu dem Schluß, dass ich das nicht geschafft hätte.
Mein Leben war die letzten Jahre zu verquer, unstet und chaotisch. Ich bin einsam- seit meiner Geburt und wollte das niemals für Dich.
Dein Vater ist längst nicht mehr bei mir.
Wir kannten uns nicht lange und wir waren wie Feuer und Wasser und dennoch wünschen wir uns Dich, damit wir beide eine perfekte Familie sein können und beide nicht mehr so einsam sind.
Als Du dann da warst, hatten wir zu viel Angst. Selber zwei Kinder aus kaputten Familien und zwar auf der Suche nach einer eigenen Familie aber beide mit Ende Zwanzig zu ängstlich, dass wir es gemeinsam schaffen würden.
Wir beide wollten Dich. Meine Entscheidung gegen Dich stand fest, als ich in die Augen Deines Vaters sah, nachdem ich ihm sagte, dass ich schwanger mit Dir bin.

Ich habe Dich nicht leben lassen. Ich habe mich gegen Dich entschieden. Nicht ich alleine. Auch Dein Vater war gegen Dich. Aber ich habe Dich getötet. Er war hinterher da. Aber trösten konnten wir und nicht. Wir redeten einfach nicht darüber. Am nächsten Tag "war alles o.k.". So gehen kaputte Menschen mit solchen Ereignissen um. Einfach weitermachen, Tränen wegdrücken, totschweigen und weiter. Obwohl Du einer meiner größten Wünsche warst, war das die Entscheidung. DEIN TOD! Meine Angst zu versagen und keine gute Mutter zu sein war größer als Dein Lebenswunsch- so groß, dass es lediglich diese eine Entscheidung gab- nämlich gegen Dich.

Das ist nun knapp 12.5 Jahre her. Eine bewusste Entscheidung war das. Zumindest dachte ich das damals. Mit Abstand betrachtet, fühlt sich die Zeit an, als hätte ich Nebel im Kopf gehabt.
Von dem Tag vor dem Arztbesuch hab ich ein Foto von mir gemacht. Selbst darauf schaue ich, als wache ich gleich aus einem Alptraum auf. Seit dem Tag sehe ich nicht mehr aus wie ich. Ich sehe mich im Spiegel nicht mehr. Irgendwas in meinen Augen ist verschwunden und hat sich gegen Traurigkeit eingetauscht. Ich lache kaum noch. Nie wieder aus vollem Herzen gelacht, maximal ein Lächeln.

Ich hab an dem Tag ein Stück von mir sterben lassen, obwohl ich wusste, dass es falsch war.
Ich konnte nicht mehr anders entscheiden.
Nach dem Termin war da erst Erleichterung und die Verwunderung, dass ich nicht mal geweint habe. Bis heute nicht über meine Entscheidung. Ohne Tränen dachte ich eine zeitlang, dass es richtig war, weil es sich nach nichts anfühlte. Es interessierte mich lange nicht. So als hätte ich etwas weggeworfen, was nicht mehr passt- eine alte Hose oder einen ausgewaschenen Pulli.

Erst dachte ich, Dich sterben zu lassen wäre richtig und da es sich auch nach NICHTS anfühlte, war es auch RICHTIG! Irgendwie hattest Du etwas besseres verdient.
Nicht zwei kaputte Menschen, die mit sich alleine schon nicht klar kamen.
Aber es fühlt sich bis heute still an - zu still.
Und dann traute ich mich, hinzusehen, hinzufühlen und erschrak.
Traurigkeit füllt die Stelle, an der Du gestorben bist. Das weiß ich jetzt, wenn auch noch nicht lange.

Einfach tot, die Stelle, dessen Platz Du in meiner Seele und in meinem Herzen eingenommen hast.

Bis heute ist mein Bauch ein wenig dick geblieben- ich sehe immer noch ein wenig schwanger aus und das ändert sich auch nicht.
Bis heute bin ich nicht mehr schwanger geworden- selbst, als ich Jahre später geheiratet habe und einem weiteren Kind ein halbwegs stabiles Leben hätte bieten können. Versucht haben wir es, mein Mann und ich. Jahrelang. Nun bin ich 40 und zu alt.
Ich denke nicht, dass es noch einmal klappen wird, obwohl ich es mir wünsche. Mir das Gefühl wünsche, dass ich hatte, als Du in meinem Bauch warst und ich zum ersten Mal hörte, dass ich schwanger bin. Tiefer Frieden und tiefstes Glück.

Die Narbe, die ich mir selber mit Deinem Tod zugefügt habe, sitzt zu tief. Viel zu tief.
Bis heute fühlt sich alles taub an. Gedanken an Dich, Gefühle, die mit Dir zusammen hängen.
Es fühlt sich neutral an, aber es ist es eben nicht.
Da ist kein Platz für ein zweites Kind- weil Du immer noch da bist und ich mir nicht verzeihen kann, dass ich mich gegen Dich entschieden habe.
Ja, die Entscheidung war falsch und ist nicht zu entschuldigen. Daher bitte ich Dich auch nicht um Verzeihung und verzeihe mir nicht.

Ich hätte Dich besser zur Welt gebracht, auch wenn der Gedanke sich schwierig anfühlt, Dich die letzten 12.5 Jahre begleitet zu haben, sogar mit Panik erfüllt. Ich hätte das wahrscheinlich nicht geschafft!
Schwierig, weil ich Angst hatte und bis heute noch habe.
Wie sollte ich eine gute Mutter für Dich gewesen sein, wenn ich sie selber nie hatte? Nie ein stabiles Umfeld Dir hätte geben können?

Ja, es tut mir wahnsinnig leid, dass Du gestorben bist. Dass Du WEGEN MIR gestorben bist. Du warst ein kleiner Mensch, ein Teil von mir und Deinem Vater.
Dafür hatte ich das Recht nicht. Ich hätte Dir eine Chance geben müssen, uns geben müssen und auch mir.
Mir sagen müssen, dass ich das schaffe- komme was wolle.
Aber ich habe mich anders entschieden- ich war ein Feigling.

Es tut mir leid, liebe Tochter, liebe Isabelle, das ich Dich habe sterben lassen.
Es tut mir leid um jedes Kichern, jedes Lächeln, jedes Wehwehchen, dass ich von Dir verpasst habe.
Es tut mir leid für diese Entscheidung.
Könnte ich die Zeit zurück drehen, würde ich bewusster entscheiden. Dich vielleicht zur Welt bringen und dann an Eltern abgeben, die Dich hätten besser aufziehen können als ich. Auch wenn wir nicht zusammen leben würden, würdest Du leben.
Denn die letzten 12.5 Jahre hättest Du eine schlimme Kindheit mit mir gehabt und das hättest Du nicht verdient. Gerade mal ein paar Jahre bin ich jetzt halbwegs zur Ruhe gekommen und stabil.
Deine Kindheit wäre die Hölle gewesen mit mir.

Warum ich mir sicher bin, dass Dein Leben dies nicht geändert hätte?
Weil ich ich bin und mich kenne. Ich hab mir geschworen, ehrlich mit mir umzugehen und ich wäre Dir keine gute Mutter gewesen- egal, wer das Gegenteil behaupten würde.
Weil ich einsam bin, tief in meinem Herzen. Weil ich traurig bin, seit ich denken kann. Weil ich immer nur mit mir und meinem Leben klar kam- immer auf dem Sprung weg, wenn es zu eng wurde. Weil ich unzulänglich mit mir umgehe, mein Leben nicht zu schätzen weiß. Wie sollte ich also Dein Leben zu schätzen wissen?
Mir ging es nie um materielle Dinge, die ich Dir nicht hätte bieten können. Mir geht es um Wärme, Nähe und Geborgenheit. Dies wäre Dir von mir untersagt geblieben. Ich lasse Menschen nicht an mich ran- nicht mal Kinder. Meine Seele ist und bleibt verschlossen.

Du hättest außen vor gestanden- IMMER.
Und ich weiß nur zu gut, wie es ist, mit einer emotionalen in sich gekehrten- depressiven- Mutter großzu werden.
Du hast etwas besseres verdient.

Es tut mir leid Issi, mich gegen Dich entschieden zu haben.

Ja, es tut mir leid. So unbeschreiblich wahnsinnig leid, dass ich Dich getötet habe!
Und wie ich das hier schreibe, kullert die erste Träne über mein Gesicht. Die erste, nach Deinem Tod, an dem ich Schuld bin. Die erste, seit 12.5 Jahren!

Issi, ich liebe Dich, auch wenn ich Dich niemals gesehen hab und Du gerade mal ein paar Wochen alt warst.

Deine Mutter


18.12.2014, 23:25
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