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 Kinderwunsch nach Abtreibung nachgegeben 
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Beitrag Kinderwunsch nach Abtreibung nachgegeben
Meine Frau und ich sind 35 und 37 Jahre alt. Wir haben bereits zwei Töchter im Alter von 2 und 5 Jahren und hatten unsere Familienplanung damit für perfekt und abgeschlossen erklärt. Wir waren glücklich wie es war, wir freuten uns auf die Zukunft. Durch ein gerissenes Kondom und da die Pille danach nicht anschlug, kam es zu einer erneuten Schwangerschaft. Das ist ca. 7 Monate her.
Die Nachricht hat uns emotional überrollt. Wir ärgerten uns über so viel "Pech". Wir waren hilflos und wussten nicht, wie wir mit der Situation umgehen sollten. Uns für das Kind entscheiden und damit unsere ganze Zukunftsplanung auf den Kopf stellen? Dieser Gedanke war mit vielen Ängsten verbunden (Wollen wir das wirklich nochmal? Zwei Kinder sind auch schon anstrengend, können / wollen wir das wirklich noch ein drittes mal stemmen? Wir hatten uns gerade wieder auf mehr Freiheit gefreut, wenn du Kleine kurz danach in die Kita kommen sollte...). Meine Frau konnte Nächte lang kaum schlaften, aß kaum noch und weinte sehr viel. Diese Situation war für uns alle sehr belastend.
Als meine Frau den Gedanken eines medikamentösen Schwangerschaftsabbruchs in ihren Kopf ließ, konnte sie erstmals wieder frei atmen. Zuvor nahm ihr der Gedanke an eine Schwangerschaft manchmal Wort wörtlich die Luft zum Atmen.
Wir entschieden uns zunächst mal die ersten Schritte in Richtung Schwangerschaftsabbruch zu gehen. Es müssen ja einige Stationen durchlaufen werden, wir hätten uns ja jeder Zeit noch anders entscheiden können. Diese Möglichkeit sich endlich wieder handlungsfähig zu fühlen, war erleichternd. Endlich gab es wieder etwas, das wir tuen konnten. Also ging meine Frau einen Schritt nach dem anderen. Natürlich waren auch diese Schritte immer von Zweifeln begleitet, ob der Weg der Richtige sei. Aber diese Zweifel ließen wir nicht an uns heran, ich denke aus Angst, wieder in diese Hängepartie zu geraten, dass wir nicht wussten was wir machen sollten.
Nach einer anfänglichen Erleichterung, nun den Druck los zu sein, bauen sich mittlerweile immer größere Schuldgefühle gemischt mit dem Verlangen nach doch noch einem weiteren Kind auf. Alle Argumente, die uns damals haben für den Schwangerschaftsabbruch stimmen lassen, wirken heute völlig nichtig und klein, geradezu belanglos! Und wir machen uns Vorwürfe, Gegenargumente, wie die Schwangerschaften von Freunden und in der Familie völlig unterbewertet zu haben. Auch fällt es ihr aktuell schwer unsere Töchter zu genießen. Oft, wenn diese süß sind und sich schön miteinander beschäftigen, wird sie direkt wehmütig und traurig und sagt Dinge wie: "und sowas schönes wollten wir nicht mehr?"
Vor der Geburt unserer zweiten Tochter, hatte meine Frau einen Abgang. Sie sagte mir, dass sie nach der Geburt unserer 2. Tochter oft dachte: "Hätte ich nicht diesen Abgang gehabt, dann hätten wir auch nicht diese wundervolle Tochter."
Manchmal kommt jetzt in ihr der Wunsch auf, dass sie noch ein weiteres Kind haben möchte. Es wirkt, als wären wir zu viert nicht so komplett, wie es noch vor dem Vorfall erschien. Wir dachten unsere Familie und unser Leben war zu viert perfekt und so sollte es auch bleiben! Wir haben so an diesem "perfekten Glück" festgehalten, dass wir es zerbrochen haben! Objektiv sind unsere äußeren Umstande durchaus so, dass wir auch ein weiteres Kind bei uns Platz hat. Wir wollten es damals einfach nicht, das war so nicht geplant, wir hatten uns auf einen anderen Lebensabschnitt gefreut. Jetzt ist da das Gefühl das etwas / jemand fehlt.

So unglaublich paradox es auch ist, in den letzten Monaten scheint sich bei uns ein weiterer Kinderwunsch entwickelt zu haben. Es schwingt aber natürlich auch die Angst mit, ob das denn gut gehen kann, wenn wir nach einer vorherigen Entscheidung für deinen Schwangerschaftsabbruch nun doch wieder ein Kind machen würden. Kann das gut gehen? Kommt die Traurigkeit vielleicht auch dann trotzdem wieder zurück?

Unsere große Angst ist, dass wir uns wieder falsch entscheiden. Dass wir uns für ein weiteres Kind entscheiden und meine Frau am Ende immer noch dem Verlust nachtrauert, nur dass wir dann hier drei Kinder haben, die wir versorgen, sie es aber nicht wieder genießen kann.

Hier im Forum habe ich gelesen, dass es scheinbar vielen Frauen ähnlich geht nach einem Schwangerschaftsabbruch und sie eine ausgeprägte Sehnsucht nach einem Kind entwickeln..
Mich würde interessieren, ob es hier Frauen gibt, die diesem Wunsch nachgegeben haben? Wie ist es euch mit eurer Entscheidung im Nachhinein ergangen? Hat das bei euch geklappt? Gibt es hier vielleicht auch Fälle, in denen es nicht geklappt hat?

Danke


19.01.2022, 00:10
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Beitrag Re: Kinderwunsch nach Abtreibung nachgegeben
Hallo KarlO.


ihr hattet eure Familienplanung abgeschlossen und feste Ziele wie sich eure Zukunft gestallten sollte.

Dann ist das Kondom leider zerrissen und ihr musstet eine Entscheidung treffen. Alle bisherigen Pläne über den Haufen werfen oder sich gegen diese Schwangerschaft entscheiden. Es war eine Entscheidung bei der es kein Richtig und kein Falsch gab. Dann kam noch der extreme Zeitdruck hinzu. Somit habt ihr bestimmt wie fremdgesteuert diese Entscheidung getroffen.

Ihr konntet bei der Entscheidung nicht wissen was danach kommt. Genauso weiß auch niemand wie sich die Zukunft entwickelt hätte wenn ihr euch für das Kind entscheiden hättet. Ihr habt Gründe für eure Entscheidung gehabt und diese Gründe waren zum Zeitpunkt der Entscheidung da. Das es jetzt nach dem AB anders aussieht und ihr denkt das diese ganzen Gründen jetzt vielleicht nichtig sind ist nicht ungewöhnlich. Ihr steht jetzt vor einer ganz anderen Situation.

Das deine Frau im Moment die schönen Momente mit euren Töchtern nicht genießen kann ist auch nicht ungewöhnlich. Ihr steht erst am Anfang der Verarbeitung und müsst lernen mit dem AB zu leben und ihn auch zu akzeptieren. Gebt euch bitte die Zeit für die Verarbeitung und lasst bitte eure Trauer zu. Hilfreich kann es sein wenn ihr gemeinsam über euere Sorgen und Gefühle reden könnt. Hilfreich ist es auch oft wenn man ein Ort zum trauern hat. Das kann zum Beispiel zu eine kleine Ecke sein in der man Dinge aufbewahrt die einen an das Sternchen erinnern. Gut ist es auch wenn ihr euch von eurem Sternchen verabschieden könnt. Hier wurde oft geschrieben das es geholfen hat einen Brief zu schreiben und darin alle was zum AB geführt hat aufzuschreiben und sich für den Schritt zu entschuldigen.

Oft wurde hier auch geschrieben das nach einem AB ein sehr starker Kinderwunsch auftritt. Ich finde es nicht paradox. Durch den Ab fehlt jemand und das ist nicht leicht zu verarbeiten. Ich halte es aber für gut, wenn es möglich ist erst den AB so weit zu verarbeiten wie es geht und dann über einem weiteren Kinderwunsch zu entscheiden. Ein weiteres Kind wird auch das Sternchen nicht ersetzen.

KarlO, ich weiß nicht wie stark die Probleme bei euch sind. Ihr habt die Möglichkeit und auch das Recht für die Verarbeitung professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die meisten Konfliktberatungsstelle bieten auch eine Betreuung nach einem AB an. Ihr könnt euch auch an einen Therapeuten oder Psychologen wenden. Versucht darüber zu reden und " fresst" es nicht in euch hinein.


Viele Grüße

Oscar


19.01.2022, 12:23
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Beitrag Hilfe bei der Verarbeitung
Hallo KarlO,
dass du dich als Ehemann und Vater aufmachst und hier schreibst, ist sehr beachtlich! Es tut mir so leid, dass ihr keinen anderen Weg als die Abtreibung sehen konntet. Manchmal ist es so, dass man blind für andere Möglichkeiten ist. Ihr hättet vielleicht noch weitere Unterstützung und Beratung gebraucht und sie nicht gefunden. Dass du und deine Frau die Abtreibung jetzt so bereutt, so geht es vielen Paaren. Ihr seid nicht alleine damit. Dass du hier geschrieben hast, kann ein erster Schritt zum Wieder-gut-werden sein. Das spürst du vielleicht schon ein bisschen. Vielleicht liest deine Frau hier mit.
Auf der Seite von VillaVie, einer Beratung für Frauen nach einem Abbruch, findest du Berichte von (vor allem?) Frauen, denen es ähnlich wie euch ging. Immer sind auch die Männer betroffen und dort auch willkommen:
villa-vie.org
Das hilft euch vielleicht und gibt euch ein paar Ideen für die weitere Verarbeitung. Ein weiterer Verein für Selbsthilfe nach einer Abtreibung ist Deborah e.V.. Für jeden passt etwas anderes.
Eine Freundin hat mir von einem Buch erzählt, das eine Frau geschrieben nach dem Abbruch geschrieben hat:
„Ich nannte sie Nadine“ von Karin Lamplmair
Aus dem Buch weiß ich - es gibt einen Weg zur Heilung tiefer Wunden und einen Weg zurück zum Leben. Heilung beginnt bereits, wenn du und deine Frau über eure Gefühle und das Geschehene offen sprecht. Wie hier im Forum. Was würde deine Frau noch schreiben?

Habt Hoffnung. Euer Kinderwunsch kann seinen Platz bei euch haben. Vielleicht nach oder mit einer guten Beratung?! Damit ihr möglichst gut nach vorne schauen könnt.

Alles erdenklich Gute euch! Mit Hoffnungsgrüßen herzlich
Lydia


19.01.2022, 12:45
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